Fremdsprachenunterricht in Japan

Wie angekündigt gibt es diesmal einen Beitrag zum Fremdsprachenunterricht in Japan. Zuerst einmal gibt es in Japan natürlich einen für alle Schüler verpflichtenden Fremdsprachenunterricht innerhalb des Schulsystems. Im Rahmen der mit der Meiji-Restauration rasant einsetzenden Modernisierung und letztendlich auch Europäisierung des Landes wurden zunächst neben Englisch zumindest teilweise auch Deutsch und Französisch unterrichtet, heute allerdings hat das Englische sämtliche anderen Fremdsprachen so gut wie vollständig aus den staatlichen Schulen verdrängt. Neben dem daraus folgenden fehlenden Angebot an weiteren, beispielsweise auch Nachbarsprachen wie Koreanisch oder Chinesisch hat der staatliche Englischunterricht in Japan weitere inhärente Mängel. Englisch wird zwar im Grunde in allen Jahrgangsstufen unterrichtet, allerdings nach veralteten Methoden wie der Grammatik-Übersetzungs-Methode. Wer sich mit Fremdsprachendidaktik beschäftigt hat, wird vielleicht wissen, dass diese Methode ursprünglich zum Unterricht der alten Sprachen Latein und Griechisch entwickelt wurde, bevor sie auch auf im modernen Fremdsprachenunterricht angewendet wurde, wo sie aber schließlich von anderen Methoden abgelöst wurde. Nicht so in Japan. Dort wird Englisch in weiten Teilen tatsächlich so unterrichtet, wie in Deutschland Latein oder Altgriechisch. In der Muttersprache der Schüler werden grammatische oder kulturelle Themen abgehandelt, die Fremdsprache wird dabei weder vom Lehrer noch von den Schülern aktiv verwendet. Hinzu kommt der kulturelle Aspekt, dass in Japan Mitarbeit und Selbstständigkeit der Schüler weniger als im Westen erwartet wird und die Schüler so die Sprache nur selten verwenden. Für die japanischen Englischlehrer gilt leider das Gleiche, da sie natürlich das gleiche System durchlaufen haben und oftmals auch in der Universität theoretisch bleiben und einen Auslandsaufenthalt vermeiden.

Nun versucht man diese Mängel durch eine Reihe eher zweifelhafter Maßnahmen zu beheben. Da wären einmal das fächerübergreifende Allheilmittel der Juku oder vollständig ausgeschrieben Gakushū Juku (学習塾). Dabei handelt es sich um „Paukschulen“, die in ähnlicher Form in ganz Ostasien existieren und in Südkorea Hagwon (학원), in Taiwan und der Volksrepublik China Buxiban (補習班) genannt werden. In diesen Schulen bekommen die Schüler im Grunde Nachhilfe in allen Fächern, oftmals auch bis spät abends. In Bezug auf den Fremdsprachenunterricht liegt das Problem vor allem darin, dass die Juku von der Art des Unterrichts vollständig in das Schulsystem integriert sind und damit auch dessen Fehler nicht ausmerzen können.

Als diese Probleme immer offenkundiger wurden, beschloss man, Hilfe aus dem Ausland in Anspruch zu nehmen und rief 1987 das weitläufige JET-Programm ins Leben. Bei diesem Programm werden, ähnlich dem europäischen Programm des pädagogischen Austauschdiensts, Muttersprachler als Assistenzlehrer im Fremdsprachenunterricht eingesetzt. Aus Sicht der fast immer aus englischsprachigen Ländern stammenden Teilnehmer ist das Programm sicherlich attraktiv, ist die Arbeit doch relativ einfach, wird aber gut bezahlt und organisiert. So brechen jedes Jahr tausende Englischmuttersprachler nach Japan auf, um dort als Assistant Language Teacher (ALT) zu arbeiten und so ihrem Interesse an Japan nachgehen, ihre Studienkredite zurückzahlen oder einfach Erfahrungen in einem fremden Land zu sammeln. Auch für deutsche Muttersprachler gab es in vergangenen Jahren einige wenige Stellen, die aber aufgrund der geringeren Nachfrage und der prekären finanziellen Lage des Programm 2012 auf eine einzige Stelle für ganz Japan reduziert wurden. Da selbst diese eine Stelle eventuell wegrationalisiert wird und der Bewerbungsprozess sehr aufwändig ist, habe ich mich schließlich auch persönlich gegen eine Bewerbung entschieden. Heute sieht die Realität also so aus, dass fast ausschließlich Englischmuttersprachler als ALTs am JET-Programm teilnehmen.

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wurde das sehr weitläufige Programm allerdings immer wieder auch wegen seiner geringen Effizienz kritisiert. Dies liegt einerseits an der Qualifikation der Bewerber. Zur Bewerbung nötig ist lediglich ein Bachelor-Abschluss in egal welchem Fach. Lehrerfahrung, ein entsprechendes Studium und Japanischkenntnisse sind zwar wünschenswert, aber nicht zwingend nötig. Durch den sehr hohen Bedarf von über 4000 ALTs in ganz Japan arbeiten so viele Leute als Assistenzlehrer, die dafür weder qualifiziert noch motiviert sind. Daraus und aus den oben erwähnten Charakteristika des japanischen Schulsystems folgt wiederum, dass die Muttersprachler in ihrer Unterrichtsgestaltung kaum Freiheiten haben und oft nur als Aussprachemodell dienen. So hört und liest man immer wieder von frustrierten ALTs im japanischen Hinterland, die ihre Tätigkeit als die eines „human tape recorder“ bezeichnen. Insgesamt muss man also feststellen, dass auch die zahlreichen Assistenzlehrer aufgrund ihrer Qualifikationen und begrenzten Einsatzmöglichkeiten den Mängeln des japanischen Schulsystems im Hinblick auf Fremdsprachenunterricht nicht abhelfen können.

Ihre Unzufriedenheit mit dem Schulsystem führt dann viele Japaner schließlich zum wohl berüchtigtsten Zweig des Fremdsprachenunterrichts im Land der aufgehenden Sonne, den privaten Sprachschulen. Berüchtigt insofern, als dass die meisten dieser Schulen Teil großer profitorientierter Ketten sind, die sich in Sachen Arbeitsbelastung und Arbeitnehmerrechte immer wieder etwas zuschulden kommen lassen und einen entsprechenden Ruf genießen. Auch was die „Lehrer“ betrifft, findet sich hier nicht gerade die Crème de la Crème, denn wer es nicht in das JET-Programm schafft, bewirbt sich normalerweise bei den privaten Sprachschulen, wo der Bedarf an Englischmuttersprachler noch sehr viel höher, die Bezahlung aber schlechter und die Arbeit härter ist. Da die meisten dieser Schulen vor allem und oft ausschließlich Englischunterricht anbieten, hat sich in der Umgangssprache der Begriff Eikaiwa (英会話) eingebürgert, der sich aus den Wörtern für Englisch (eigo, 英語) und Konversation (kaiwa, 会話) zusammensetzt. Konversation daher, da diese Schulen ursprünglich auch eine Reaktion auf die Mängel des staatlichen Schulsystems waren und vor allem mündliche Kommunikation lehren sollen. Was zunächst einleuchtet, verkommt in der Praxis des hartumkämpften Marktes oft zur Farce. Die „Lehrer“ sind häufig weder motiviert noch qualifiziert und agieren oft einfach als Quotenausländer für Japaner aller Altersstufen, die weniger die Sprache lernen als vielmehr Kontakt zu Ausländern aufnehmen wollen. Da die Firmen möglichst fremdartig aussehende, sprich keine Asiaten, sondern westliche Weiße einstellen, kommt es sogar immer wieder zu Beschwerden gegen Rassismus zum Beispiel von Seiten der asiatischstämmigen Amerikaner, die zwar Englischmuttersprachler sind und damit alle Voraussetzungen erfüllen, oftmals aber mehr Probleme bei der Arbeitssuche als Weiße haben. Da ein Eikaiwa-Job insgesamt sehr monoton sein kann, sind viele der angestellten Lehrer schnell frustriert und bleiben nicht länger als ein Jahr. Den Firmen wiederum ist das im Grunde egal, weil jedes Jahr wieder tausende neue Bewerber nach Japan kommen und die „Lehrer“ sowieso austauschbar sind. Was andere Sprachen wie Deutsch oder Französisch betrifft, so werden diese in der Regel nur von den Sprachschulketten in größeren Städten angeboten, während Eikaiwa im wörtlichen Sinne, also als Englischschulen, wie Sand am Meer in verschiedensten Ausführung vom Ableger einer großen Kette bis hin zum kleinen Familienbetrieb im ganzen Land existieren. Für die anderen Sprachen bestehen eigentlich die gleichen Probleme, wenn auch in sehr viel kleinerem Maßstab. Letztendlich muss man feststellen, dass auch private Sprachschulen die Probleme des staatlichen Schulsystems in Japan nicht beheben können, sondern vielmehr neue Probleme in einer anderen Richtung schaffen.

Als Fazit kann man also durchaus ziehen, dass im Bereich des Fremdsprachenunterrichts in Japan einiges im Argen liegt. Jeder, der in Japan (oder auch Südkorea und Taiwan, wo ähnliche Systeme existieren) reist oder arbeitet und versucht, sich auf Englisch zu verständigen, wird schnell feststellen, dass die Kenntnisse bei den Allermeisten mehr als dürftig beziehungsweise kaum vorhanden sind und das, obwohl man sich seit Jahrzehnten fast fieberhaft großflächig und einseitig auf den Ausbau der Englischkenntnisse konzentriert. In Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten wird dieser Ansatz und sein hoher finanzieller Aufwand wie bereits erwähnt immer öfter kritisiert und es wird immer offenkundiger, dass es an der Zeit ist, umzudenken. Japan müsste vor allem die Ausbildung seiner einheimischen Englischlehrer verbessern, aber auch gezielt qualifizierte Fremdsprachenlehrer aus dem Ausland ins Land holen, statt einfach jeden beliebigen Muttersprachler als qualifizieren Lehrer anzusehen. Obwohl ein Großteil dieses Beitrags eher negativ war, möchte ich abschließend betonen, dass es auf allen erwähnten Ebenen des Systems durchaus auch motivierte und qualifizierte Lehrer gibt, die teilweise nach wenigen Jahren das Land wieder verlassen, teilweise aber auch Jahrzehnte in Japan verbringen und eigene Schulen aufbauen. Aus Sicht der ausländischen Fremdsprachenlehrer bleibt Japan trotz der erwähnten Mängel des Unterrichtssystems weiterhin ein interessanter Arbeitsplatz mit vergleichsweise guter Bezahlung. Aus Sicht der Schüler lässt der Fremdsprachenunterricht allerdings zu oft vieles zu wünschen übrig.

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