Literatur als Bildungsziel

Im Deutschunterricht gehört Literatur zu den wichtigsten Elementen und stellt gerade in höheren Klassenstufen einen Schwerpunkt dar. Doch wie sieht es in den modernen Fremdsprachen aus? Kann trotz der Sprachbarriere produktiv mit Literatur gearbeitet werden und hat Literatur über alle Fachgrenzen hinaus in der heutigen Lebens- und Arbeitswelt überhaupt eine Daseinsberechtigung jenseits eines simplen Zeitvertreibs?

Abgesehen davon, dass diese Fragen nie an Aktualität eingebüßt haben, werden sie angesichts von Stichworten wie „Lehrplanentrümpelung“ immer wieder neu gestellt. Während andere Fächer unmittelbar berufsrelevant sind oder zumindest so erscheinen, wird der Literaturanteil im Fremdsprachenunterricht gerade im direkten Vergleich mit der Sprachanwendung im konkreten Alltagskontext als lebensfern und damit entbehrlich eingeschätzt. Aus diesem Ansatz entstehen dann wiederum Vorschläge wie der jüngst in Bayern lautgewordene, den Literaturanteil im Lehrplan der Fremdsprachen als „Gerümpel“ deutlich zu kürzen. Konkret wurde vorgeschlagen, in der gesamten Oberstufe nur noch eine fremdsprachliche Lektüre zu lesen. Dadurch würde jedoch nicht nur der Lehrplan reduziert, sondern auch die Bedeutung von Fremdsprachen an sich und die Rolle dieser Schulfächer im geisteswissenschaftlichen Kanon.

Natürlich ist ein primärer Zweck von Fremdsprachen, sich in konkreten Kontexten, beispielsweise auf Reisen oder im Berufsleben verständlich machen zu können. Wer die Sprache allerdings rein auf diese Rolle reduziert, instrumentalisiert sie als Mittel zum Zweck und macht sie zur Ware. Ja sogar die Lernenden werden so zur Ware, was im Bereich des frühbeginnenden Unterrichts besonders deutlich wird, wenn Eltern ihre Kinder bereits sehr früh scheinbar unentbehrliche „Weltsprachen“ wie Englisch oder Mandarin lernen lassen, damit diese sich im wahrsten Sinne des Wortes später besser verkaufen können. Die Folgen einer derartigen Instrumentalisierung sind nicht nur im Kontext der Sprache, sondern auch ganzgesellschaftlich spürbar. Wenn alles zum Wettbewerb wird, ist sich jeder selbst der Nächste.

Dabei kann Sprache und gerade Literatur so viel mehr. Über den reflexiven Umgang mit Literatur, Literaturgeschichte und Literaturtheorie gerade auch in anderen Sprachen als der eigenen erfolgt ästhetische Geschmacksbildung und gelingt ein Perspektivwechsel über die eigene Person und Kultur hinaus, der letztendlich wieder auf allgemeinmenschliche Erkenntnisse verweist. Dies sind Ziele, die in einer zunehmend egoistischen, technokratischen und kommerzialisierten Gesellschaft wichtiger denn je sind. Ziele, die nicht dem Markt, sondern dem Menschen, nicht einem technischen, sondern einem menschlichen Fortschritt dienen.

Soll das Ziel der Schul- und Universitätslaufbahn weiterhin auch Bildung und nicht nur Ausbildung sein, dann spielen geisteswissenschaftliche Fragestellungen und der Zugang zu ihnen anhand von Literatur eine wichtige Rolle. Auch wenn die Wirtschaft und viele Arbeitgeber widersprechen werden, kann das Ziel von Schule niemals nur sein, gute Ingenieure, Betriebswirte, Informatiker oder welche Berufssparte auch immer zur jeweiligen Zeit gerade propagiert wird, auszubilden, sondern es geht vielmehr darum, gute Menschen zu bilden. Ohne geisteswissenschaftliches Denken in der Schule und im Grunde auch im Studium und anderen Ausbildungsstufen wird es wesentlich schwerer, dieses Ziel zu erreichen.

Natürlich kann Literaturunterricht in der Schule letztendlich immer nur beispielhafte Einblicke gewähren. Es kommt aber darauf an, dass diese Beispiele prägend wirken können und im besten Fall die Schüler zu selbstständigem Interesse und einer lebenslangen Beschäftigung mit Literatur, Kultur und den damit verbundenen Fragestellungen menschlichen Lebens anregen. Literatur kann nur über den Status eines Zeitvertreibs hinwegkommen und ihr volles Potenzial entfalten, wenn Schule ihr einen entsprechenden Platz einräumt. Einen Platz, der mehr als nur muttersprachliche Werke und mehr als nur ein literarisches Genre erfordert.

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Eine Antwort zu Literatur als Bildungsziel

  1. juneautumn schreibt:

    Ganz davon abgesehen kann man lesend eine Sprache sehr gut lernen, die Satzbildung, neue Wörter usw. Und ja, die Kultur kann man doch fast nicht anders fassen, als sich mit der Literatur auseinanderzusetzen, die die Kultur im Laufe der Zeit spiegelt. Ich halte das für ganz groben Schwachsinn, aber wiederum ein Zeichen unserer Zeit, in der nur noch „Arbeitsmaschinen“ herangezüchtet werden sollen.

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