Marcel Proust und die digitale Nostalgie

Videospiele sind mehr als nur ein weiteres Unterhaltungsmedium in unserer schnelllebigen Zeit. Sie sind eine Kunstform. Natürlich sehen Videospiele oft alt aus, wenn man sie aus der böswillig-überheblichen Perspektive eines „Intellektuellen“ beurteilt und mit Literatur oder anderen Kunstformen vergleicht; was den mimetischen Anspruch betrifft, wird gerade mit wachsenden technischen Möglichkeiten oft immer noch versucht, die „Wirklichkeit“ möglichst akkurat und objektiv wiederzugeben und soziale Konstruktionen wie Geschlechterrollen werden unhinterfragt reproduziert. Legt man etwas mehr Nachsicht an den Tag, kann man dem noch jungen Medium die genannten Makel verzeihen und stellt fest, dass Videospiele als Teil der Populärkultur schon seit Jahrzehnten immer mehr Menschen auch in deren Alltag erreichen und über die Jahre hinweg so etwas wie digitale Nostalgie erzeugt haben.

Was Videospielkonsolen betrifft, wurde meine Jugendzeit vor allem von Super Nintendo (in Japan: Super Famicom) und der ersten Playstation geprägt. Damit ist meine Generation sicher nicht die erste, die digitale Nostalgie empfindet, immerhin existieren Videospiele in ihren frühen Formen schon seit den Siebzigern. Trotzdem sind die Symptome der Nostalgie die gleichen und vielleicht sogar intensiver als die der Generationen zuvor, denn mit der Entwicklung von 8 zu 16 und schließlich 32 Bit wurden immer komplexere Spielwelten möglich. Und natürlich gehört zur digitalen Nostalgie auch der allzu menschliche Kulturpessimismus und das Gefühl, dass früher alles irgendwie besser war. Für den Nostalgiker bleibt das Spielgefühl von Rollenspielklassikern wie Secret of Mana oder Terranigma unerreicht und selbst bei Einkaufstouren heutzutage erscheint der auf ältere Spiele spezialisierte Laden Super Potato in Tokyos Elektronikmekka Akihabara viel interessanter als die unzähligen anderen, moderneren Läden im gleichen Viertel. Schnell stellt sich dabei die Frage, ob früher wirklich alles besser war oder ob es sich nur um nostalgische Idealisierung handelt und falls das der Fall ist, ob man das Recht dazu hat, die eigene Vergangenheit zu verklären.

Schon Marcel Proust war klar, dass die Mémoire Volontaire, also das willentliche Erinnern einer erlebten Vergangenheit, immer mit einer im Grunde unzulässigen Idealisierung einhergeht, die nur wenig mit der ursprünglichen Erfahrung zu tun hat. Auch bei Videospielen kommt es vor, dass einem geliebte Spiele nach einer Spielpause von vielen Jahren plötzlich nicht mehr so gut wie zuvor vorkommen und doch nehmen sie einen besonderen Platz in der Erinnerung ein. Hier spielt die ursprüngliche Etymologie des Wortes Nostalgie eine Rolle, das, aus den altgriechischen Worten νόστος und άλγος zusammengesetzt, Heimweh bedeutet. Die metaphorische Heimat, um die es hier geht, ist der sichere Hafen der eigenen Kindheit und hierbei handelt es sich nicht um die Idealisierung nur einer Generation, sondern um ein allgemein-menschliches Verhalten im Lauf der Generationen. Ebenso wie meine Generation werden auch alle folgenden Generationen ihre Erfahrungen idealisieren und dazu werden oftmals auch Videospiele und digitale Nostalgie gehören.

Im Bereich menschlicher Erfahrung wird vollständige Objektivität niemals möglich sein und das ist auch vollkommen in Ordnung so. Jede Generation hat das Recht auf die Idealisierung ihrer Vergangenheit. Und letztendlich finden sich trotz aller Idealisierung immer wirkliche Klassiker auch im Bereich der Videospiele, die im Sinne einer  Höhenkammliteratur bleiben und es wert sind, weitervermittelt zu werden. Und wer weiß, vielleicht erlebt der eine oder andere beim Videospielen sogar ein Erweckungserlebnis im Sinne der Mémoire Involontaire, die in einem Augenblick unmittelbarer Erfahrung Erinnerung auferstehen lässt? Den alten Proust würde es freuen.

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