Endstation Sehnsucht

Mit seiner Metapher des sich stetig verändernden Flusses bringt schon Heraklit die vielleicht einzig wahre Konstante menschlichen Lebens zum Ausdruck, die später mit dem Begriff πάντα ῥεῖ treffend umschrieben wurde. Im Fluss der Zeit ist Erneuerung im Sinne von Verlust und Gewinn eine der grundlegenden Erfahrungen des Menschen. Zumeist mit dieser Erfahrung verbunden ist die Sehnsucht nach dem Anderen, die sich entweder im Nachtrauern eines verlorenen Vergangenen oder im Herbeisehnen eines Zukünftigen äußert und entsprechend meist negativ bewertet wird. So lehrt der Zen-Buddhismus die unmittelbare Achtsamkeit im Moment und das Nicht-Anhaften an im Endeffekt nicht-realen zukünftigen oder vergangenen Erfahrungen. Auch Jean-Paul Sartre spricht vom Menschen als einem „Perpétuel Ailleurs“, einem Wesen, das nie bei sich selbst ist, sondern dessen Sehnsucht sich immer nach einer bestimmten Vergangenheit oder Zukunft orientiert und dem so in seiner ständigen Unzufriedenheit ein glückliches Leben verwehrt bleibt.

Betrachtet man jedoch menschliche Sehnsucht pragmatischer und ohne den langen und schwierigen Weg intellektueller Reflexion oder kontemplativer Meditation zu gehen, so bietet sich auch eine positiv-emotionale Sichtweise vor allem der Sehnsucht nach Zukünftigem an. Viele große menschliche Ideen und Innovationen, aber auch inspirierende Gedanken und Taten in einem kleineren Rahmen entspringen aus dem Wunsch nach Veränderung. Ein einerseits radikaler, andererseits aber in seiner Schlichtheit offensichtlicher Schritt besteht darin, seine äußeren Lebensumstände vollständig zu verändern, indem man seinen Lebensmittelpunkt für einen längeren Zeitraum ins Ausland verlegt.

Auch hier sind Kritikpunkte schnell gefunden. Von naiver und auch medial vermittelter Idealisierung des Auswanderungsgedankens ganz zu schweigen, stellt sich die Frage, ob wirkliche Veränderung nicht vielmehr im Innern eines Menschen ansetzen muss, anstatt plump die individuell wahrgenommene Umgebung als „Welt“ oder „dieses Land“ zu verteufeln und austauschen zu wollen. Handelt es sich vielleicht nur um ein romantisiertes Luxusproblem der wohlhabenden „ersten Welt“, deren Bürger ihren Lebensmittelpunkt relativ frei wählen können und nicht durch soziale oder wirtschaftliche Umstände gezwungen sind, in ihrer Heimat zu bleiben oder diese zu verlassen?

Natürlich sind dies legitime Ansätze für Kritik am Konzept der Sehnsucht speziell was den Wunsch nach einem Leben im Ausland betrifft und so ließen sich für sämtliche Sehnsüchte rationale Gegenargumente finden. Nichtsdestotrotz sind es derartige Gedanken und Hoffnungen, die uns in einem oft als stumpf empfundenen Alltag geistig am Leben erhalten. So ist die Sehnsucht wie viele menschliche Empfindungen ein zweischneidiges Schwert, das uns einerseits unser jetziges Leben verderben, uns andererseits aber inspirieren und letztendlich sogar retten kann. Und wie immer kommt es auch hier auf die Art an, wie wir uns diesem Phänomen geistig nähern. Nur so kann entschieden werden, ob die Sehnsucht eine verzehrende Träumerei bleibt oder ob sie zu einer echten Chance auf ein besseres Leben wird.

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