Der Triumph des Nerds?

Noch vor vielleicht fünf Jahren wusste fast niemand im deutschsprachigen Raum, was ein Nerd ist. Außer vielleicht denjenigen, die selbst Nerds waren und sich selbst bewusst so wahrnahmen. Trotzdem war der Sachverhalt des Nerdtums gerade zu Schulzeiten jedem bekannt, ist er doch mindestens schon so alt wie die Popkultur selbst. Eigentlich jeder war entweder selbst ein Nerd oder kannte jemanden, der ein für Andere obskur erscheinendes Hobby oder Interesse mit Leidenschaft verfolgte. Da diese Interessen natürlich besonders auffielen, weil sie für Durchschnittsjugendliche zu „schulisch“ oder abseits des Mainstreams waren, waren sie oft mit Außenseiterrollen oder sogar ernsthaftem Mobbing verbunden.

Vergleicht man diese dunkle Frühzeit mit der heutigen Situation, so hat sich scheinbar ein Paradigmenwechsel ereignet. Fast jeder kennt heute den Begriff Nerd, Serien wie The Big Bang Theory sind längst im Mainstream angekommen und selbst der stereotypische Kleidungsstil des Nerds wurde inzwischen in Form von Hornbrillen oder Holzfällerhemden zum Trend erkoren. Durch diese Präsenz des Begriffs kommt es immer häufiger vor, dass Leute sich selbst als Nerds bezeichnen und es sogar als cool gilt, nerdig zu sein. Doch entspricht der Eindruck, dass Nerds nun etabliert sind, wirklich der Wahrheit oder handelt es sich vielmehr um einen Trugschluss?

Der Autor selbst ist selbstverständlich kein Nerd und besitzt die abgebildeten Gegenstände lediglich als Anschauungsmaterial, um seine Recherche auch empirisch fundieren zu können…

Betrachtet man das Phänomen an der Oberfläche und richtet den Blick auf den Modetrend oder die Selbstbezeichnung vieler Leute als Nerds, so muss man feststellen, dass hier eher der Begriff des Hipsters zutrifft. Während der Hipster verschiedenste Einflüsse ironisch zitiert und sich so bewusst als modisch-kulturelle Avantgarde stilisiert, nimmt der Nerd seinen eigenen Status nicht bewusst wahr beziehungsweise kümmert sich nicht darum und findet sich so am Rand der Gesellschaft wieder. Der Ottonormalverbraucher wiederum imitiert lediglich den Hipster, der sich daraufhin verändern muss, um seine Avantgardeposition zu sichern. Bei diesem Vorgang wird der klassische Nerd außen vor gelassen und bleibt wie zuvor sozial isoliert.

Nichtsdestotrotz wird für die Gesamtgesellschaft immer offensichtlicher, dass Nerds trotz ihrer manchmal schweren Jugend später im Berufsleben oft sehr erfolgreich werden, da ihre mit Leidenschaft verfolgten Interessen der Schlüssel zu erfolgreichem Lernen und einem gelingenden Berufsweg sind. Selbst wenn sich also die Situation für viele Nerds zumindest während ihrer Schulzeit nicht verbessert haben mag, so scheint doch eine Aussage des chinesisch-amerikanischen Dramatikers David Henry Hwang zuzutreffen und letztendlich als Trost zu funktionieren. In einem seiner Stücke legt er einer Figur sinngemäß und überspitzt die Worte in den Mund, dass eine glückliche Schulzeit fast nie in einem erfolgreichen Berufsleben mündet.

Trotz dieses oft schwierigen Werdegangs kann der klassische Nerd letztendlich sogar als Ideal gelten. Er lehrt uns, dass es im Leben auch darauf ankommt, soziale Normen zu überwinden und mit Leidenschaft Interessen und Ziele zu verfolgen, statt sich opportunistisch an Systeme anzupassen. Wenn dies zu schulischem und beruflichem Erfolg führt, ist es umso bewundernswerter und sollte nicht mit sozialer Isolation bestraft, sondern durch gesellschaftliche Anerkennung honoriert werden. Dann könnte man wirklich von einem Triumph des Nerds sprechen, bis dahin allerdings muss der Nerd leider noch viel zu oft als ironisches Zitat oder austauschbarer Trend herhalten.

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