Bildung als Weltaneignung und innerer Schutzraum

In der Philosophie ist die Definition von „Welt“ als die Gesamtheit der Eindrücke und Situationen eines Menschen umstritten und wird beispielsweise von Immanuel Kant kritisiert, der anmerkt, dass die Welt als Gesamtheit nie erfahrbar ist und ihr deshalb, anders als bei konkreten Objekten, keine Anschauung entspricht. Trotzdem neigt man nicht nur dazu, alles außerhalb seiner individuellen und bewusst gewählten Erfahrung als „Welt“ zu empfinden, sondern diese Welt auch als feindlich zu interpretieren. So wird der Mensch im Sinne des Existentialismus in die unwirtliche Welt geworfen und kann sich nicht einmal entscheiden, ob er dies überhaupt will. Von diesem Moment an hat er die Tendenz, die Welt in ihrer Unkontrollierbarkeit geradezu zu verteufeln und sich in Konzepte wie „Schicksal“ oder „Zufall“ zu flüchten.

Im Vorfeld der Postmoderne schließlich liefert der frühe Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus Logico-Philosophicus eine der berühmtesten Definitionen des Begriffs: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Abgesehen von ihren sprachphilosophischen Implikationen innerhalb des Werkes von Wittgenstein nimmt diese Definition eine radikale Zersplitterung menschlicher Erfahrung vorweg. „Welt“ kann nur als individueller Ausschnitt in ihrer unendlichen Komplexität erfahren werden. Während dies für Erwachsene zumindest theoretisch einerseits eine erschütternde Orientierungslosigkeit und andererseits eine schier unglaubliche Vielfalt an Verständnismöglichkeiten eröffnet, stellt sich die Situation für Menschen in der Entwicklung anders dar. Denn der Weltzugang von Kindern und Jugendlichen wird bis zu einem gewissen Grad immer von Erwachsenen bestimmt.

So nicht: Die (streng genommen eigentlich falsche) westliche Interpretation der drei Affen (jap. sanzaru, 三猿), alles Schlechte zu ignorieren, kann keine pädagogische Antwort auf eine als feindlich empfundene Welt sein.

In diesem Zusammenhang wird in der Pädagogik manchmal der Begriff des Schutzraums verwendet. Dabei geht es um die Glaubensfrage, ob man Heranwachsenden in pädagogischen Kontexten, beispielsweise in der Schule, den Zugang zu einem als feindlichen empfundenen Teil der Welt zumindest zeitweise verwehren oder sie vielmehr gezielt damit konfrontieren sollte. Natürlich kann man versuchen, gezielt zu verhindern, dass Jugendliche mit Leid oder kontroversen Inhalten konfrontiert werden, indem man diese Aspekte ausklammert oder den Umgang mit ihnen gezielt verbietet. Dagegen spricht allerdings erstens, dass es heutzutage so gut wie unmöglich sein dürfte, durch Verbote in bestimmten Kontexten die entsprechenden Inhalte vollständig aus dem Leben der Jugendlichen herauszuhalten, sind sie doch im Internet jeweils nur einen Klick entfernt. Zweitens wird die unvermeidliche Konfrontation mit dieser, von pädagogischen Autoritäten als feindlich deklarierten Welt zwangsläufig im Erwachsenenalter erfolgen und dann umso schwieriger verlaufen.

Deshalb kann das Ziel von Erziehung niemals sein, Kinder und Jugendliche durch Verbote vor der „Welt da draußen“ beschützen zu wollen. Vielmehr sollte man sich die humboldtsche Definition von Bildung als Weltaneignung ins Gedächtnis rufen. Bildung bedeutet dann, die Welt mit allen ihren Aspekten erfassen und verstehen zu können. So gilt es, Heranwachsende innerhalb gewisser Altersgrenzen und auf der Basis von Werten mit kontroversen Inhalten zu konfrontieren und diese zu reflektieren. Radikal gedacht heißt das dann, dass nichts verboten, aber alles verstanden und hinterfragt werden muss. Auf diese Weise wird Bildung zum wirklichen Schutzraum, der keine Seiten der Welt ausklammern muss und doch eine vernünftige Lebensführung ermöglicht.

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