Mittendrin und doch außen vor am anderen Ende der Welt

Die Entwicklung zum Japan-Enthusiasten verläuft bei vielen jungen Menschen im „Westen“ ähnlich: Irgendwann beginnt man zu verstehen, dass viele der geliebten Videospiele aus Japan stammen und auch zumindest in Teilen die Kultur des Landes widerspiegeln. Manga und Anime sind der nächste Schritt, von dem es nicht mehr weit zu Musik, Film und Kampfkunst und schließlich zu Literatur und Philosophie ist. Davon abgesehen gibt es eine Reihe weiterer, allgemeiner Gründe, die deutlich für Japan sprechen und Christian Kracht in seinem nach der gleichnamigen Ästhetikfibel „Lob des Schattens“ von Junichiro Tanizaki benannten Essay nach einigen Tagen vor Ort zur Aussage verleiten, dass es im direkten Vergleich Japan – Deutschland Fünf zu Null für Japan stehe. Das Land der aufgehenden Sonne ist eine ästhetische und kulturelle Supermacht mit extrem hoher Lebensqualität und funktioniert geradezu spielend scheinbar perfekt.

Fernab von derartigen, stets unter dem Generalverdacht der Idealisierung und des Orientalismus stehenden Schwärmereien, hat Japan natürlich auch mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen.  Ganz abgesehen von der ständigen Bedrohung durch Naturkatastrophen und der verheerenden Dreifachkatastrophe des 11. März 2011 leidet die japanische Gesellschaft unter Überalterung, Vereinsamung und zahlreichen weiteren Symptomen einer übersättigten, bisweilen starr auf ihren kulturellen Eigenheiten beharrenden Wohlstandsgesellschaft. Im Spannungsfeld dieser positiven und negativen Aspekte Japans entsteht für mich persönlich ein ganz besonderes Japan-Gefühl, das vielleicht auch andere Ausländer, die dort gelebt haben kennen und das man als eine Art positive Isolation beschreiben könnte.

Jeder Tag ein Abenteuer im Strom der Pendler – Mein altes Zimmer irgendwo in der Vorstadtwüste von Tokyo.

Als Ausländer in Japan ist man offiziell ein Gaikokujin (geschrieben mit den Zeichen für „außen“, „Land“ und „Mensch“: 外国人), in der Umgangssprache ein Gaijin (geschrieben mit den Zeichen für „außen“ und „Mensch“: 外人). Obwohl die Meinungen auseinandergehen, ob Gaijin nun ein beleidigendes oder einfach nur ein umgangssprachliches Wort für Ausländer ist, deutet die Schreibweise bereits auf eine eindeutige Tendenz hin: Im japanischen System des Innen und Außen (Uchi und Soto, 内und 外) werden selbst Ausländer, die seit vielen Jahren im Land sind, fast immer die Position außerhalb der japanischen Gesellschaft einnehmen. Das mag für die langjährigen Gaijin frustrierend sein, bringt aber bei kürzeren Aufenthalten eine interessante Sonderposition mit sich.

Selbstverständlich gibt es diese Tendenz auch in anderen Kulturen und vielleicht sogar besonders häufig in Asien. Allerdings ist kaum ein Land für den ausländischen Beobachter derart homogen in seiner Bevölkerungsstruktur wie Japan. Hinzu kommt, dass andere der „westlichen“ Kultur fremde Länder sehr chaotisch wirken und im Fluss der Eindrücke alles Fremde assimilieren oder absorbieren. Nicht so in Japan, wo man die fast klinisch-rein funktionierende und ästhetisch meist perfekt abgestimmte Umgebung als Unbeteiligter wie in Watte gepackt beobachten kann und gleichzeitig hofiert und ausgeschlossen wird. Insgesamt verleiht dies dem Land eine sanfte Melancholie, die durch die ständig drohenden Naturkatastrophen noch verstärkt wird. Einerseits werden derartige Gefahren ausgeklammert, sie würden ja die Harmonie stören, andererseits entspricht die Zerbrechlichkeit der Perfektion geradezu ideal dem japanischen Ästhetikprinzip Mono No Aware (物の哀れ, das Pathos der Dinge); wirklich schön ist nur das, was im unmittelbaren Moment aufscheint und schon bald der Vergänglichkeit anheimfällt.

Am deutlichsten lässt sich dieses Gefühl in Tokyo erleben, der wohl allein schon aufgrund ihrer Größe spektakulärsten Stadt der Welt. Obwohl diese Größe eigentlich dafür sorgen müsste, dass die Stadt als Ganzes unkontrollierbar wird, funktioniert alles perfekt und weder die Menschen noch die Stadt als organische Einheit scheinen irgendetwas dem Zufall zu überlassen, sind sich aber doch unterschwellig bewusst, dass das lange erwartete große Hauptstadtbeben trotz aller Vorsichtsmaßnahmen Tokyo ins Chaos stürzen kann. Bis es aber soweit ist, und erst recht wenn es soweit ist, hängt mein Herz an Tokyo und an Japan, diesem einzigartigen Ort, der mich mit offen Armen empfängt und doch ausschließt, der es mir ermöglicht, ein faszinierendes Anderes ebenso wie mein eigenes Selbst klar zu erkennen.

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Eine Antwort zu Mittendrin und doch außen vor am anderen Ende der Welt

  1. zoomingjapan schreibt:

    Dass man als Ausländer immer ein Ausenstehender in Japan bleiben wird, stimmt leider.
    Es bring auch einige Vorteile aufgrund der erwähnten „Sonderposition“, aber im Laufe der Jahre überwiegen schon eher die negativen Seiten – zumindest für mich.

    Wenn man – wie ich – auf dem Land lebt, wo es kaum andere Ausländer gibt, verstärkt sich das Ganze oft noch.

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