Interview – Zooming Japan

Diesmal habe ich die Ehre, auf meinem Blog das erste Interview zu präsentieren. Als Gesprächspartnerin stand die Betreiberin der Seite Zooming Japan zur Verfügung. Neben ihrer Seite, die sich ausführlich mit dem Thema Leben und Reisen in Japan befasst, arbeitet sie seit mehreren Jahren als Sprachlehrerin in Japan, kann so gewissermaßen sowohl eine deutsche als auch eine japanische Perspektive auf die Eigenheiten der japanischen Kultur und des dortigen Fremdsprachenunterrichts einnehmen und wird ihre Einsichten exklusiv mit Lehrzeit teilen.

Lehrzeit: Schön, dass du dich zu einem Interview bereit erklärt hast. Lass uns mit einer Frage zu deiner Person anfangen. Warum bist Du gerade nach Japan gegangen und warum arbeitest du gerade als Lehrerin dort?

Zooming Japan: Ich bin zunächst durch mein Karatetraining im Grundschulalter
mit Japan in Berührung gekommen. Über die Jahre hinweg stieg mein Interesse und nachdem ich schließlich mein Studium beendet hatte, bin ich für 3 Wochen zum ersten Mal nach Japan. Zurück in Deutschland habe ich gemerkt, dass ich mehr Zeit benötige, um die Kultur, Essen, Leute und Sprache besser kennenzulernen.

Ich habe mir das „Working Holiday Visum“ besorgt und da ich zu dem Zeitpunkt nur Grundkenntnisse in Japanisch hatte, kam für mich eigentlich nur der Job als
Sprachlehrer in Frage. Das kam mir sehr gelegen, weil das sowieso in dieselbe Richtung ging wie mein Studium. Heute, nach 5 Jahren, ist mein Japanisch sehr viel besser. Ich könnte andere Jobs machen, aber mir macht der Lehrerjob immer noch sehr viel Spaß.

Lehrzeit: Welche typischen Gründe haben Ausländer allgemein, nach Japan zu kommen?

Zooming Japan: Das hat so vielfältige Gründe, dass sich das nicht über einen Kamm scheren lässt. Ein paar meiner männlichen Arbeitskollegen haben sich z.B. im Heimatland in eine Japanerin verliebt (meist während des Studiums) und sind dann mit ihr zurück nach Japan. Ein anderer Kollege war Vollblutjapaner, aber in Amerika geboren. Er wollte seine Wurzeln erkunden. Neben den japanischen Frauen scheinen auch Anime und Manga, Cosplay und Videospiele sowie Idols eine große Rolle zu spielen. Es gibt natürlich auch viele, die einfach in einem anderen Land Erfahrungen sammeln wollen.

Lehrzeit: Spielt deiner Meinung nach auch eine gewisse Idealisierung des Landes durch die popkulturelle Präsenz Japans eine Rolle?

Zooming Japan: Ja, absolut! Und das ist auch der Grund, warum ich vielen immer rate, erstmal als Tourist für eine kurze Zeit nach Japan zu kommen, bevor man alles hinwirft und hier für längere Zeit leben will. Japan ist ohne Frage ein angenehmes Land, aber man muss sich auch vor Augen halten, dass es – wie in jedem Land – auch negative Seiten gibt.

Lehrzeit: Haben Fremdsprachen- und vor allem Englischlehrer als größte ausländische Gruppe in Japan einen starken Einfluss auf das Image von Ausländern im Land haben?

Zooming Japan: Zunächst einmal glaube ich nicht, dass Fremdsprachenlehrer die größte ausländische Gruppe in Japan darstellen. Aber wie es statistisch tatsächlich aussieht, weiß ich nicht. Ich denke schon, dass diese Personen das Image des „westlichen Ausländers“ prägen, da sie allseits gegenwärtig sind und auch mit den Japanern mehr interagieren – und sei es nur mit ihren Schülern – als die meisten Touristen es tun.

Lehrzeit: Siehst du diesen Einfluss eher als positiv oder negativ an?

Zooming Japan: Ich glaube tatsächlich, dass sich das die Waage hält.Wobei mir persönlich eher die negativen Sachen auffallen, da die auch automatisch auf mich projiziert werden.  Selbst in der Arbeitswelt macht sich das bemerkbar. Ausländer (meistens sind es Amerikaner) sind oft sehr unpünktlich und versuchen, so wenig wie möglich zu arbeiten. „Ausländer“ sind oft recht laut und forsch. Viele sprechen auch nach einem Jahrzehnt in Japan kaum Japanisch. Das wirft insgesamt natürlich eher ein schlechtes Bild auf „den Ausländer“.

Lehrzeit: Du hast erwähnt, dass gerade im Bereich des Fremdsprachenunterrichts oft verschiedene Arbeitskulturen aufeinander treffen. Denkst du, dass Deutsche mit ihrer Arbeitskultur sich allgemein besser in die japanische Arbeitskultur einfügen, als das bei anderen Ausländergruppen der Fall ist?

Zooming Japan: Ich mag Verallgemeinerungen zwar nicht und natürlich gibt es Ausnahmen, aber so ganz allgemein würde ich tatsächlich sagen, dass sich ein Deutscher sehr viel besser in die japanische Arbeitskultur einfügen kann als beispielsweise ein Amerikaner.  Meiner Erfahrung nach tun sich da Leute aus Amerika oder z.B. auch Australien oft schwer und ecken dementsprechend auch öfter an. Amerikaner nehmen es nicht sehr genau mit der Pünktlichkeit. Es werden auch gerne mal Meetings oder andere Aufgaben, die zu erledigen waren, vergessen. Ich hatte bei meinen Arbeitskollegen schon öfter das Gefühl, dass sie ihre Arbeit nicht immer ernst nehmen. Ob das jetzt am Lehrerberuf lag oder ob das in anderen Berufen genau so läuft, kann ich leider nicht sagen.

Lehrzeit: Die Situation des Fremdsprachenunterrichts in Japan wird immer wieder kritisiert. Findest du Kritik an in Japan etablierten Initiativen wie dem JET-Programm oder dem Eikaiwa-System berechtigt? Falls ja, wo siehst du Verbesserungsmöglichkeiten?

Zooming Japan: Ich sehe die Kritik zum Teil als berechtigt an. Ich würde allerdings woanders ansetzen. ALTs und Eikaiwas sind ja nur nötig, weil der normale Englischunterricht an den Schulen nicht ausreicht.

Die Art und Weise, wie Japaner Englisch erlernen, müsste von Grund auf geändert werden. Wie in allen anderen Fächern wird hier nur für den nächsten Test gelernt. Dafür werden Vokabeln und Grammatikregeln gepaukt. Wie man die Sprache tatsächlich anwendet, wird überhaupt nicht erlernt. Das ist auch der Grund, warum so viele Japaner kaum Englisch SPRECHEN können. Hinzu kommt, dass die japanischen Englischlehrer die Sprache nicht fließend beherrschen und deren Aussprache auch sehr schlecht ist. Da müsste man also dringenst ansetzen. Mit den ALTs und auch den Eikaiwa-Schulen hat man versucht, dem wenigstens ein wenig entgegenzuwirken. Letztere können jedoch auch nur unterstützend wirken. Es wäre wirklich eine komplette Reformierung des Englischunterrichts an Schulen nötig.

Lehrzeit: Lass uns zum Abschluss über die Zukunft sprechen. Siehst du auch angesichts der wirtschaftlichen Lage den Markt für Fremdsprachenunterricht auf dem absteigenden Ast? Glaubst du, dass sich Japan nach der Dreifachkatastrophe des 11. März 2011 für immer verändert hat und gewissermaßen auch seine Unschuld als idealisiertes Traumland für viele Ausländer verloren hat?

Zooming Japan: Solange sich nichts am Unterricht in japanischen Schulen ändert, sehe ich sehr wohl weiterhin einen dringenden Bedarf an zusätzlichem Englischunterricht. Vor allem in Hinblick darauf, dass die stärksten Konkurrenten, China und Korea, sehr viel bessere Englischkenntnisse aufweisen. Da muss Japan unbedingt mitziehen!

Persönlich habe ich nicht das Gefühl, dass Japan durch die Katastrophe letztes Jahr sehr viel uninteressanter geworden ist. Es stimmt zwar, dass viele „Flyjin“ schlagartig damals das Land verlassen haben und es eine lange Zeit einen Einbruch im Tourismusverkehr gab, aber das hat sich mittlerweile wieder relativ gut eingependelt. Ich denke, die Anzahl derer, die Japan als Traumland angesehen haben, aber aufgrund der Katastrophe ihre Meinung geändert haben, ist vergleichsweise relativ gering.

Lehrzeit: Dann hoffen wir das Beste für Japan. Vielen Dank für das Interview.

Zooming Japan: Sehr gerne.

Dieser Beitrag wurde unter Asien, Bildung, Japan, Schulsystem abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Interview – Zooming Japan

  1. Klaus schreibt:

    Nu ja, hinsichtlich Englisch- oder aber Fremdsprachenunterricht allgemein in Japan, da koennte man einen Roman verfassen. Auch mir stoesst noch vieles nach mittlerweile 20 Jahren Unterricht an den Schulen einiges auf, vieles moechte ich gerne aendern oder geaendert sehen, aber leider wird in Japan noch immer sehr oft nach dem Prinzip gehandelt: das haben wir schon immer so gemacht, also warum sollen wir es aendern. Auslandsbesuche der Schueler (ich rede hier von junior high, sprich Kindern, die so um die 14 oder 15 Jahre alt sind) gibt es generell nicht. Schoen waere es, wenn das „angekurbelt“ werden koennte, damit die Kinder erkennen, warum sie z.B. Englisch lernen. Englisch ist ein „reines Lernfach“, wie Japanisch, Mathe usw. Der „tiefere Sinn“ wird nicht vermittelt – Freunde im Ausland finden, bessere Chancen im spaeteren Berufsleben, eigenstaendig ohne Reiseagenturen ins Ausland fahren etc. Aber u.U. aendert sich ja auch hier noch etwas in den kommenden 30 bis 40 Jahren – Japan hinkt halt noch immer in einigen Bereichen gewaltig hinterher.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s