Eine republikanische Täuschung?

In Frankreich ist man nicht zu Unrecht stolz auf das republikanische Staatsmodell mitsamt allen dahinter stehenden und historisch gewachsenen Ideologien. Neben der laizistischen Orientierung ist dabei sicherlich der Wahlspruch liberté, égalité, fraternité von größter Bedeutung, der in der Zeit nach der französischen Revolution zunehmend politisch vereinnahmt wird und spätestens in der dritten französischen Republik eine zentrale Rolle spielt. Noch heute, in der fünften Republik, werden Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit offiziell groß geschrieben und zu verschiedensten Anlässen gebetsmühlenhaft angeführt.

Eine der Speerspitzen und zugleich Graswurzeln dieser Bemühungen ist das ebenfalls in der dritten Republik entstandene französische Schulsystem, das sich vom deutschen und speziell bayerischen System grundlegend unterscheidet. Im Prinzip handelt es sich um ein Gesamtschulsysten; alle Schüler bis zum Alter von vierzehn beziehungsweise fünfzehn Jahren besuchen das Collège, um danach verschiedene weiterführende Schulformen, die Lycées, zu besuchen oder aber in die Lehre zu gehen, wobei das deutsche duale System in Frankreich nicht bekannt ist. Trotz einer Vielzahl von Problemen, die sich auch durch allzu heterogene Schülergruppen am Collège erklären lassen, hält man am Gesamtschulsystem fest und betont dabei die Chancengleichheit, die wiederum durch die republikanischen Prinzipien geboten sei. So weit, so gut. Natürlich ließe sich diese Denkweise diskutieren, was jedoch hier nicht geschehen soll. In jedem Fall aber muss man anerkennen, dass sich zunächst kein ideologischer Widerspruch ergibt.

SchuleFrankreichAn anderer Stelle jedoch klafft ein gewaltiger Widerspruch. Im tertiären Bildungssektor besitzt das französische Bildungssystem stark elitäre Tendenzen, die den genannten Idealen geradezu diametral entgegenstehen. Hier grenzen sich die Grandes Écoles bewusst von herkömmlichen Universitäten ab, indem sie den besten Schülern eines Jahrgangs sowohl eine breite Allgemeinbildung als auch spezielle Fachkenntnisse auf höchstem Niveau im jeweils angestrebten Bereich zuteilwerden lassen. Zwar gibt es für die Grandes Écoles Stipendien und auf den ersten Blick hat prinzipiell jeder die Chance, dort aufgenommen zu werden, wenn man aber genauer hinsieht, stellt man schnell fest, dass die Auslese früh beginnt und bestimmten Gesellschaftsschichten kaum Chancen lässt. Der Zugang zu den Grandes Écoles ist nur über bestimmte Lycées möglich, die ihre Schülerschaft aus einem städtischen Bildungsbürgertum rekrutieren, dessen Zöglinge wiederum entsprechend sozialisiert werden. Der Weg nach oben führt also vor allem über klar definierte Wege in bestimmten Kreisen und selbstverständlich führt dies dazu, dass sich das System immer wieder reproduziert. So hat der Soziologe Pierre Bourdieu festgestellt, dass der überwiegende Anteil von Absolventen der Grandes Écoles über einen bestimmten sozialen Habitus verfügt und in entscheidenden Situationen wie beispielsweise Bewerbungsgesprächen stets Kandidaten bevorzugt, die sich desselben Habitus bedienen.

Hier zeigt sich ganz deutlich, dass staatliche Prinzipien, so erstrebenswert und inspirierend sie auch sein mögen, nie unreflektiert in allen gesellschaftlichen Bereichen als gegeben hingenommen werden dürfen, sondern immer wieder nach ihrer Gültigkeit hinterfragt werden und sich an realen Gegebenheiten messen lassen müssen. Nur wenn sie diese Prüfung zumindest annäherungsweise bestehen und nicht zur Farce verkommen, können sie Bürgern als Orientierung und Rückhalt dienen. Speziell in Frankreich ist diese Situation zwar prinzipiell gegeben, droht jedoch stets auch zu kippen, wie sich nicht zuletzt auch an den immer wieder auftretenden Unruhen sowie der generellen Lage in den Vorstädten des Landes zeigt. Somit ist unser Nachbar wie so oft auch hier gleichzeitig Vorbild und Warnung im europäischen Kontext.

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