Das gute alte Ballspiel

Als ich es zum ersten Mal auf Bildern sah, erschien es mir ganz anders als das damals wie heute allgegenwärtige Fußball. Das Spiel existierte nur auf den Bildern für mich und obwohl ich wusste, dass es irgendwo in Amerika, wo auch immer genau das auch sein mochte, ein wichtiger Teil des Alltags vieler Menschen war, blieb Baseball für mich etwas Exotisches, ein Blick in eine andere Welt. Immer wieder faszinierten mich die Urgewalt des Schlägers, die Finesse des Handschuhs und der kleine Ball; ein Dreigespann, das im Fluss der Bewegung noch viel beeindruckender sein musste. Als ich dann schließlich zum ersten Mal Ausschnitte eines Spiels im Fernsehen sah, war ich überrascht. Mit einer Mischung aus Staunen und Verwirrung wurde ich Zeuge einer raschen Abfolge völlig unterschiedlicher und seltsamerweise doch irgendwie harmonischer Bewegungen eines Spiels, dessen Regeln mir noch lange eine Rätsel bleiben sollten.

Selbst später, als ich glaubte, die Regeln Amerikas, jenes selbstbewussten Landes, das Projektionsfläche auch vieler meiner Träume geworden war, verstanden zu haben, blieb Baseball mir ein Rätsel. Zwar erkannte ich im Duell zwischen Werfer und Schläger die amerikanische Verherrlichung des Individuums wieder und auch die Tatsache, dass man bei Baseball nicht wie beim Basketball oder Football bestimmte körperliche Voraussetzungen mitbringen musste, erschien mir als Verwirklichung eines demokratischen Ideals, aber ich war mir nicht sicher, ob das nicht wieder eine typisch europäische Intellektualisierung war und zweifelte daran, das Spiel jemals voll verstehen zu können, ohne damit aufgewachsen zu sein.

baseballstadium2

Bis zum Tag, an dem ich zum ersten Mal selbst im Stadion war und begann, das Spiel zu fühlen. Plötzlich verstand ich, dass meine Überlegungen zumindest unterschwellig durchaus zutrafen und dass Baseball viel mehr ist als nur ein wichtiger amerikanischer Zeitvertreib. Es verkörpert die Seele des Landes über alle Altersklassen und sozialen Schichten hinweg und steht für ein nostalgisches Überdauern jenseits aller Trends und Moden. Und so kam es, dass an jenem lauen kalifornischen Oktobertag der Ballgame Song zu meiner Nationalhymne wurde und die altmodischen Uniformen seltsamerweise auch für mich ein nostalgisches Symbol einer heilen Welt wurden. Ich hatte die Faszination so weit aufgesogen, dass sie ein, wenn auch fiktiver, Teil meiner eigenen Vergangenheit geworden zu sein schien. Und noch heute überkommt mich bei einem Baseballspiel, ganz egal ob in den USA oder in Asien, das wohlige Gefühl, in der guten alten Zeit angekommen zu sein. Und nach einigen Stunden voller Dramatik und dynamischer Aktionen, aber auch voller guter Gespräche und Gemütlichkeit ist mein Bild vom alten Ballspiel wieder ein bisschen vollständiger und ich freue mich auf das nächste Mal. Bis es wieder heißt: „Take me out to the ballgame…“

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