Eine republikanische Täuschung?

In Frankreich ist man nicht zu Unrecht stolz auf das republikanische Staatsmodell mitsamt allen dahinter stehenden und historisch gewachsenen Ideologien. Neben der laizistischen Orientierung ist dabei sicherlich der Wahlspruch liberté, égalité, fraternité von größter Bedeutung, der in der Zeit nach der französischen Revolution zunehmend politisch vereinnahmt wird und spätestens in der dritten französischen Republik eine zentrale Rolle spielt. Noch heute, in der fünften Republik, werden Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit offiziell groß geschrieben und zu verschiedensten Anlässen gebetsmühlenhaft angeführt.

Eine der Speerspitzen und zugleich Graswurzeln dieser Bemühungen ist das ebenfalls in der dritten Republik entstandene französische Schulsystem, das sich vom deutschen und speziell bayerischen System grundlegend unterscheidet. Im Prinzip handelt es sich um ein Gesamtschulsysten; alle Schüler bis zum Alter von vierzehn beziehungsweise fünfzehn Jahren besuchen das Collège, um danach verschiedene weiterführende Schulformen, die Lycées, zu besuchen oder aber in die Lehre zu gehen, wobei das deutsche duale System in Frankreich nicht bekannt ist. Trotz einer Vielzahl von Problemen, die sich auch durch allzu heterogene Schülergruppen am Collège erklären lassen, hält man am Gesamtschulsystem fest und betont dabei die Chancengleichheit, die wiederum durch die republikanischen Prinzipien geboten sei. So weit, so gut. Natürlich ließe sich diese Denkweise diskutieren, was jedoch hier nicht geschehen soll. In jedem Fall aber muss man anerkennen, dass sich zunächst kein ideologischer Widerspruch ergibt.

SchuleFrankreichAn anderer Stelle jedoch klafft ein gewaltiger Widerspruch. Im tertiären Bildungssektor besitzt das französische Bildungssystem stark elitäre Tendenzen, die den genannten Idealen geradezu diametral entgegenstehen. Hier grenzen sich die Grandes Écoles bewusst von herkömmlichen Universitäten ab, indem sie den besten Schülern eines Jahrgangs sowohl eine breite Allgemeinbildung als auch spezielle Fachkenntnisse auf höchstem Niveau im jeweils angestrebten Bereich zuteilwerden lassen. Zwar gibt es für die Grandes Écoles Stipendien und auf den ersten Blick hat prinzipiell jeder die Chance, dort aufgenommen zu werden, wenn man aber genauer hinsieht, stellt man schnell fest, dass die Auslese früh beginnt und bestimmten Gesellschaftsschichten kaum Chancen lässt. Der Zugang zu den Grandes Écoles ist nur über bestimmte Lycées möglich, die ihre Schülerschaft aus einem städtischen Bildungsbürgertum rekrutieren, dessen Zöglinge wiederum entsprechend sozialisiert werden. Der Weg nach oben führt also vor allem über klar definierte Wege in bestimmten Kreisen und selbstverständlich führt dies dazu, dass sich das System immer wieder reproduziert. So hat der Soziologe Pierre Bourdieu festgestellt, dass der überwiegende Anteil von Absolventen der Grandes Écoles über einen bestimmten sozialen Habitus verfügt und in entscheidenden Situationen wie beispielsweise Bewerbungsgesprächen stets Kandidaten bevorzugt, die sich desselben Habitus bedienen.

Hier zeigt sich ganz deutlich, dass staatliche Prinzipien, so erstrebenswert und inspirierend sie auch sein mögen, nie unreflektiert in allen gesellschaftlichen Bereichen als gegeben hingenommen werden dürfen, sondern immer wieder nach ihrer Gültigkeit hinterfragt werden und sich an realen Gegebenheiten messen lassen müssen. Nur wenn sie diese Prüfung zumindest annäherungsweise bestehen und nicht zur Farce verkommen, können sie Bürgern als Orientierung und Rückhalt dienen. Speziell in Frankreich ist diese Situation zwar prinzipiell gegeben, droht jedoch stets auch zu kippen, wie sich nicht zuletzt auch an den immer wieder auftretenden Unruhen sowie der generellen Lage in den Vorstädten des Landes zeigt. Somit ist unser Nachbar wie so oft auch hier gleichzeitig Vorbild und Warnung im europäischen Kontext.

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Ode an den Goldenen Staat

Manchmal muss man die Grenzen der Sprache ausreizen und die Dinge beim Namen nennen, ohne sich in Relativierungen und Kompromissen zu verzetteln. Und genau deshalb möchte ich hier von nichts Geringerem als dem besten Ort der Welt erzählen. Dieser Ort liegt am Ende einer riesigen Nation und war schon immer das Ziel von Generationen von Träumern. Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren, sagt die Frau am Anfang der schier endlosen Landmasse. Sie verspricht ein goldenes Land und hält ihr Versprechen ganz am Ende einer langen Reise. Sie weist in ein Land, das aus dem Nichts entstanden ist und ohne die Last der Geschichte mit Zuversicht in die Zukunft blickt. Ein Land, das bei Problemen nicht etwa verzweifelt und nostalgisch zurückblickt, sondern sich ganz einfach immer wieder neu erfindet und so als Idee unsterblich wird, statt als Realität zu vergehen.

Venice_Los_AngelesAn diesem Ort wehen die Fahnen und versprechen eine Welt, in der man zusammen statt gegeneinander lebt und trotz aller Unterschiede an einem Ideal festhält, das jedem eine neue, wahrscheinlich bessere Identität anbietet. Wer es dort nicht schafft, schafft es nirgendwo. Man macht einfach, statt sich zu beklagen und unternimmt, statt zu unterlassen. Dort, am äußersten Ende der westlichen Zivilisation, wo das Individuum verherrlicht wird und doch, oder vielleicht gerade deshalb, die Gemeinschaft blüht, wird man entspannt reich oder bleibt entspannt arm. Ganz sicher aber bleibt man gesund und zuversichtlich.

Und irgendwann dann, nach vielen Jahren vielleicht, vielleicht aber auch schon nach kurzer Zeit, findet man das, wonach schon so viele Verzweifelte gesucht haben und man versteht, dass sie es vielleicht nur am falschen Ort taten: Man hat das Gefühl, angekommen zu sein. Und vielleicht ist es das, was alle mit Glück meinen und dort vielleicht mehr Menschen als irgendwo sonst gefunden haben. Dort, in dem immer neuen Land, wo es nie regnet und man alle Sprachen spricht. Am besten Ort der Welt. In Kalifornien, dem Goldenen Staat.

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Interview – Zooming Japan

Diesmal habe ich die Ehre, auf meinem Blog das erste Interview zu präsentieren. Als Gesprächspartnerin stand die Betreiberin der Seite Zooming Japan zur Verfügung. Neben ihrer Seite, die sich ausführlich mit dem Thema Leben und Reisen in Japan befasst, arbeitet sie seit mehreren Jahren als Sprachlehrerin in Japan, kann so gewissermaßen sowohl eine deutsche als auch eine japanische Perspektive auf die Eigenheiten der japanischen Kultur und des dortigen Fremdsprachenunterrichts einnehmen und wird ihre Einsichten exklusiv mit Lehrzeit teilen.

Lehrzeit: Schön, dass du dich zu einem Interview bereit erklärt hast. Lass uns mit einer Frage zu deiner Person anfangen. Warum bist Du gerade nach Japan gegangen und warum arbeitest du gerade als Lehrerin dort?

Zooming Japan: Ich bin zunächst durch mein Karatetraining im Grundschulalter
mit Japan in Berührung gekommen. Über die Jahre hinweg stieg mein Interesse und nachdem ich schließlich mein Studium beendet hatte, bin ich für 3 Wochen zum ersten Mal nach Japan. Zurück in Deutschland habe ich gemerkt, dass ich mehr Zeit benötige, um die Kultur, Essen, Leute und Sprache besser kennenzulernen.

Ich habe mir das „Working Holiday Visum“ besorgt und da ich zu dem Zeitpunkt nur Grundkenntnisse in Japanisch hatte, kam für mich eigentlich nur der Job als
Sprachlehrer in Frage. Das kam mir sehr gelegen, weil das sowieso in dieselbe Richtung ging wie mein Studium. Heute, nach 5 Jahren, ist mein Japanisch sehr viel besser. Ich könnte andere Jobs machen, aber mir macht der Lehrerjob immer noch sehr viel Spaß.

Lehrzeit: Welche typischen Gründe haben Ausländer allgemein, nach Japan zu kommen?

Zooming Japan: Das hat so vielfältige Gründe, dass sich das nicht über einen Kamm scheren lässt. Ein paar meiner männlichen Arbeitskollegen haben sich z.B. im Heimatland in eine Japanerin verliebt (meist während des Studiums) und sind dann mit ihr zurück nach Japan. Ein anderer Kollege war Vollblutjapaner, aber in Amerika geboren. Er wollte seine Wurzeln erkunden. Neben den japanischen Frauen scheinen auch Anime und Manga, Cosplay und Videospiele sowie Idols eine große Rolle zu spielen. Es gibt natürlich auch viele, die einfach in einem anderen Land Erfahrungen sammeln wollen.

Lehrzeit: Spielt deiner Meinung nach auch eine gewisse Idealisierung des Landes durch die popkulturelle Präsenz Japans eine Rolle?

Zooming Japan: Ja, absolut! Und das ist auch der Grund, warum ich vielen immer rate, erstmal als Tourist für eine kurze Zeit nach Japan zu kommen, bevor man alles hinwirft und hier für längere Zeit leben will. Japan ist ohne Frage ein angenehmes Land, aber man muss sich auch vor Augen halten, dass es – wie in jedem Land – auch negative Seiten gibt.

Lehrzeit: Haben Fremdsprachen- und vor allem Englischlehrer als größte ausländische Gruppe in Japan einen starken Einfluss auf das Image von Ausländern im Land haben?

Zooming Japan: Zunächst einmal glaube ich nicht, dass Fremdsprachenlehrer die größte ausländische Gruppe in Japan darstellen. Aber wie es statistisch tatsächlich aussieht, weiß ich nicht. Ich denke schon, dass diese Personen das Image des „westlichen Ausländers“ prägen, da sie allseits gegenwärtig sind und auch mit den Japanern mehr interagieren – und sei es nur mit ihren Schülern – als die meisten Touristen es tun.

Lehrzeit: Siehst du diesen Einfluss eher als positiv oder negativ an?

Zooming Japan: Ich glaube tatsächlich, dass sich das die Waage hält.Wobei mir persönlich eher die negativen Sachen auffallen, da die auch automatisch auf mich projiziert werden.  Selbst in der Arbeitswelt macht sich das bemerkbar. Ausländer (meistens sind es Amerikaner) sind oft sehr unpünktlich und versuchen, so wenig wie möglich zu arbeiten. „Ausländer“ sind oft recht laut und forsch. Viele sprechen auch nach einem Jahrzehnt in Japan kaum Japanisch. Das wirft insgesamt natürlich eher ein schlechtes Bild auf „den Ausländer“.

Lehrzeit: Du hast erwähnt, dass gerade im Bereich des Fremdsprachenunterrichts oft verschiedene Arbeitskulturen aufeinander treffen. Denkst du, dass Deutsche mit ihrer Arbeitskultur sich allgemein besser in die japanische Arbeitskultur einfügen, als das bei anderen Ausländergruppen der Fall ist?

Zooming Japan: Ich mag Verallgemeinerungen zwar nicht und natürlich gibt es Ausnahmen, aber so ganz allgemein würde ich tatsächlich sagen, dass sich ein Deutscher sehr viel besser in die japanische Arbeitskultur einfügen kann als beispielsweise ein Amerikaner.  Meiner Erfahrung nach tun sich da Leute aus Amerika oder z.B. auch Australien oft schwer und ecken dementsprechend auch öfter an. Amerikaner nehmen es nicht sehr genau mit der Pünktlichkeit. Es werden auch gerne mal Meetings oder andere Aufgaben, die zu erledigen waren, vergessen. Ich hatte bei meinen Arbeitskollegen schon öfter das Gefühl, dass sie ihre Arbeit nicht immer ernst nehmen. Ob das jetzt am Lehrerberuf lag oder ob das in anderen Berufen genau so läuft, kann ich leider nicht sagen.

Lehrzeit: Die Situation des Fremdsprachenunterrichts in Japan wird immer wieder kritisiert. Findest du Kritik an in Japan etablierten Initiativen wie dem JET-Programm oder dem Eikaiwa-System berechtigt? Falls ja, wo siehst du Verbesserungsmöglichkeiten?

Zooming Japan: Ich sehe die Kritik zum Teil als berechtigt an. Ich würde allerdings woanders ansetzen. ALTs und Eikaiwas sind ja nur nötig, weil der normale Englischunterricht an den Schulen nicht ausreicht.

Die Art und Weise, wie Japaner Englisch erlernen, müsste von Grund auf geändert werden. Wie in allen anderen Fächern wird hier nur für den nächsten Test gelernt. Dafür werden Vokabeln und Grammatikregeln gepaukt. Wie man die Sprache tatsächlich anwendet, wird überhaupt nicht erlernt. Das ist auch der Grund, warum so viele Japaner kaum Englisch SPRECHEN können. Hinzu kommt, dass die japanischen Englischlehrer die Sprache nicht fließend beherrschen und deren Aussprache auch sehr schlecht ist. Da müsste man also dringenst ansetzen. Mit den ALTs und auch den Eikaiwa-Schulen hat man versucht, dem wenigstens ein wenig entgegenzuwirken. Letztere können jedoch auch nur unterstützend wirken. Es wäre wirklich eine komplette Reformierung des Englischunterrichts an Schulen nötig.

Lehrzeit: Lass uns zum Abschluss über die Zukunft sprechen. Siehst du auch angesichts der wirtschaftlichen Lage den Markt für Fremdsprachenunterricht auf dem absteigenden Ast? Glaubst du, dass sich Japan nach der Dreifachkatastrophe des 11. März 2011 für immer verändert hat und gewissermaßen auch seine Unschuld als idealisiertes Traumland für viele Ausländer verloren hat?

Zooming Japan: Solange sich nichts am Unterricht in japanischen Schulen ändert, sehe ich sehr wohl weiterhin einen dringenden Bedarf an zusätzlichem Englischunterricht. Vor allem in Hinblick darauf, dass die stärksten Konkurrenten, China und Korea, sehr viel bessere Englischkenntnisse aufweisen. Da muss Japan unbedingt mitziehen!

Persönlich habe ich nicht das Gefühl, dass Japan durch die Katastrophe letztes Jahr sehr viel uninteressanter geworden ist. Es stimmt zwar, dass viele „Flyjin“ schlagartig damals das Land verlassen haben und es eine lange Zeit einen Einbruch im Tourismusverkehr gab, aber das hat sich mittlerweile wieder relativ gut eingependelt. Ich denke, die Anzahl derer, die Japan als Traumland angesehen haben, aber aufgrund der Katastrophe ihre Meinung geändert haben, ist vergleichsweise relativ gering.

Lehrzeit: Dann hoffen wir das Beste für Japan. Vielen Dank für das Interview.

Zooming Japan: Sehr gerne.

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Mittendrin und doch außen vor am anderen Ende der Welt

Die Entwicklung zum Japan-Enthusiasten verläuft bei vielen jungen Menschen im „Westen“ ähnlich: Irgendwann beginnt man zu verstehen, dass viele der geliebten Videospiele aus Japan stammen und auch zumindest in Teilen die Kultur des Landes widerspiegeln. Manga und Anime sind der nächste Schritt, von dem es nicht mehr weit zu Musik, Film und Kampfkunst und schließlich zu Literatur und Philosophie ist. Davon abgesehen gibt es eine Reihe weiterer, allgemeiner Gründe, die deutlich für Japan sprechen und Christian Kracht in seinem nach der gleichnamigen Ästhetikfibel „Lob des Schattens“ von Junichiro Tanizaki benannten Essay nach einigen Tagen vor Ort zur Aussage verleiten, dass es im direkten Vergleich Japan – Deutschland Fünf zu Null für Japan stehe. Das Land der aufgehenden Sonne ist eine ästhetische und kulturelle Supermacht mit extrem hoher Lebensqualität und funktioniert geradezu spielend scheinbar perfekt.

Fernab von derartigen, stets unter dem Generalverdacht der Idealisierung und des Orientalismus stehenden Schwärmereien, hat Japan natürlich auch mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen.  Ganz abgesehen von der ständigen Bedrohung durch Naturkatastrophen und der verheerenden Dreifachkatastrophe des 11. März 2011 leidet die japanische Gesellschaft unter Überalterung, Vereinsamung und zahlreichen weiteren Symptomen einer übersättigten, bisweilen starr auf ihren kulturellen Eigenheiten beharrenden Wohlstandsgesellschaft. Im Spannungsfeld dieser positiven und negativen Aspekte Japans entsteht für mich persönlich ein ganz besonderes Japan-Gefühl, das vielleicht auch andere Ausländer, die dort gelebt haben kennen und das man als eine Art positive Isolation beschreiben könnte.

Jeder Tag ein Abenteuer im Strom der Pendler – Mein altes Zimmer irgendwo in der Vorstadtwüste von Tokyo.

Als Ausländer in Japan ist man offiziell ein Gaikokujin (geschrieben mit den Zeichen für „außen“, „Land“ und „Mensch“: 外国人), in der Umgangssprache ein Gaijin (geschrieben mit den Zeichen für „außen“ und „Mensch“: 外人). Obwohl die Meinungen auseinandergehen, ob Gaijin nun ein beleidigendes oder einfach nur ein umgangssprachliches Wort für Ausländer ist, deutet die Schreibweise bereits auf eine eindeutige Tendenz hin: Im japanischen System des Innen und Außen (Uchi und Soto, 内und 外) werden selbst Ausländer, die seit vielen Jahren im Land sind, fast immer die Position außerhalb der japanischen Gesellschaft einnehmen. Das mag für die langjährigen Gaijin frustrierend sein, bringt aber bei kürzeren Aufenthalten eine interessante Sonderposition mit sich.

Selbstverständlich gibt es diese Tendenz auch in anderen Kulturen und vielleicht sogar besonders häufig in Asien. Allerdings ist kaum ein Land für den ausländischen Beobachter derart homogen in seiner Bevölkerungsstruktur wie Japan. Hinzu kommt, dass andere der „westlichen“ Kultur fremde Länder sehr chaotisch wirken und im Fluss der Eindrücke alles Fremde assimilieren oder absorbieren. Nicht so in Japan, wo man die fast klinisch-rein funktionierende und ästhetisch meist perfekt abgestimmte Umgebung als Unbeteiligter wie in Watte gepackt beobachten kann und gleichzeitig hofiert und ausgeschlossen wird. Insgesamt verleiht dies dem Land eine sanfte Melancholie, die durch die ständig drohenden Naturkatastrophen noch verstärkt wird. Einerseits werden derartige Gefahren ausgeklammert, sie würden ja die Harmonie stören, andererseits entspricht die Zerbrechlichkeit der Perfektion geradezu ideal dem japanischen Ästhetikprinzip Mono No Aware (物の哀れ, das Pathos der Dinge); wirklich schön ist nur das, was im unmittelbaren Moment aufscheint und schon bald der Vergänglichkeit anheimfällt.

Am deutlichsten lässt sich dieses Gefühl in Tokyo erleben, der wohl allein schon aufgrund ihrer Größe spektakulärsten Stadt der Welt. Obwohl diese Größe eigentlich dafür sorgen müsste, dass die Stadt als Ganzes unkontrollierbar wird, funktioniert alles perfekt und weder die Menschen noch die Stadt als organische Einheit scheinen irgendetwas dem Zufall zu überlassen, sind sich aber doch unterschwellig bewusst, dass das lange erwartete große Hauptstadtbeben trotz aller Vorsichtsmaßnahmen Tokyo ins Chaos stürzen kann. Bis es aber soweit ist, und erst recht wenn es soweit ist, hängt mein Herz an Tokyo und an Japan, diesem einzigartigen Ort, der mich mit offen Armen empfängt und doch ausschließt, der es mir ermöglicht, ein faszinierendes Anderes ebenso wie mein eigenes Selbst klar zu erkennen.

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Bildung als Weltaneignung und innerer Schutzraum

In der Philosophie ist die Definition von „Welt“ als die Gesamtheit der Eindrücke und Situationen eines Menschen umstritten und wird beispielsweise von Immanuel Kant kritisiert, der anmerkt, dass die Welt als Gesamtheit nie erfahrbar ist und ihr deshalb, anders als bei konkreten Objekten, keine Anschauung entspricht. Trotzdem neigt man nicht nur dazu, alles außerhalb seiner individuellen und bewusst gewählten Erfahrung als „Welt“ zu empfinden, sondern diese Welt auch als feindlich zu interpretieren. So wird der Mensch im Sinne des Existentialismus in die unwirtliche Welt geworfen und kann sich nicht einmal entscheiden, ob er dies überhaupt will. Von diesem Moment an hat er die Tendenz, die Welt in ihrer Unkontrollierbarkeit geradezu zu verteufeln und sich in Konzepte wie „Schicksal“ oder „Zufall“ zu flüchten.

Im Vorfeld der Postmoderne schließlich liefert der frühe Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus Logico-Philosophicus eine der berühmtesten Definitionen des Begriffs: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Abgesehen von ihren sprachphilosophischen Implikationen innerhalb des Werkes von Wittgenstein nimmt diese Definition eine radikale Zersplitterung menschlicher Erfahrung vorweg. „Welt“ kann nur als individueller Ausschnitt in ihrer unendlichen Komplexität erfahren werden. Während dies für Erwachsene zumindest theoretisch einerseits eine erschütternde Orientierungslosigkeit und andererseits eine schier unglaubliche Vielfalt an Verständnismöglichkeiten eröffnet, stellt sich die Situation für Menschen in der Entwicklung anders dar. Denn der Weltzugang von Kindern und Jugendlichen wird bis zu einem gewissen Grad immer von Erwachsenen bestimmt.

So nicht: Die (streng genommen eigentlich falsche) westliche Interpretation der drei Affen (jap. sanzaru, 三猿), alles Schlechte zu ignorieren, kann keine pädagogische Antwort auf eine als feindlich empfundene Welt sein.

In diesem Zusammenhang wird in der Pädagogik manchmal der Begriff des Schutzraums verwendet. Dabei geht es um die Glaubensfrage, ob man Heranwachsenden in pädagogischen Kontexten, beispielsweise in der Schule, den Zugang zu einem als feindlichen empfundenen Teil der Welt zumindest zeitweise verwehren oder sie vielmehr gezielt damit konfrontieren sollte. Natürlich kann man versuchen, gezielt zu verhindern, dass Jugendliche mit Leid oder kontroversen Inhalten konfrontiert werden, indem man diese Aspekte ausklammert oder den Umgang mit ihnen gezielt verbietet. Dagegen spricht allerdings erstens, dass es heutzutage so gut wie unmöglich sein dürfte, durch Verbote in bestimmten Kontexten die entsprechenden Inhalte vollständig aus dem Leben der Jugendlichen herauszuhalten, sind sie doch im Internet jeweils nur einen Klick entfernt. Zweitens wird die unvermeidliche Konfrontation mit dieser, von pädagogischen Autoritäten als feindlich deklarierten Welt zwangsläufig im Erwachsenenalter erfolgen und dann umso schwieriger verlaufen.

Deshalb kann das Ziel von Erziehung niemals sein, Kinder und Jugendliche durch Verbote vor der „Welt da draußen“ beschützen zu wollen. Vielmehr sollte man sich die humboldtsche Definition von Bildung als Weltaneignung ins Gedächtnis rufen. Bildung bedeutet dann, die Welt mit allen ihren Aspekten erfassen und verstehen zu können. So gilt es, Heranwachsende innerhalb gewisser Altersgrenzen und auf der Basis von Werten mit kontroversen Inhalten zu konfrontieren und diese zu reflektieren. Radikal gedacht heißt das dann, dass nichts verboten, aber alles verstanden und hinterfragt werden muss. Auf diese Weise wird Bildung zum wirklichen Schutzraum, der keine Seiten der Welt ausklammern muss und doch eine vernünftige Lebensführung ermöglicht.

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Mixed Martial Arts as a Postmodern Phenomenon

As long as there has been a so-called postmodern era in the humanities and arts, there have also been discussions about how to define the term and whether it still applies to how we perceive and depict our world. Apart from multiperspectivity, fragmentation and hybridity, Jean François Lyotard’s concept of the “collapse of the meta-narratives” is still one of the most impressive postmodern ideas. According to the French philosopher, meta-narratives are philosophical concepts and superordinate ideas such as the progress of history, the infallibility of science or the omnipresence of religion. While these ideas had long been part of our thinking, they eventually proved to be just as questionable as everything else in the postmodern era. Therefore, they have lost their general validity.

If you now look at the relatively young sport of Mixed Martial Arts (MMA), you will immediately recognize many of the previously mentioned aspects. In MMA, single fighting styles, which could also be considered as meta-narratives in the martial arts world, have lost their general significance and merge into a new, hybrid form of fighting. As every athlete has a different cultural and fighting background, this then again creates multiperspectivity and leads to the fact that a single truth is not to be found anymore. While critics of the sport may tend to remark that this collapse of ideas also affects ethical standards and that MMA is an inhuman spectacle, it cannot be denied that it is a sport with clearly defined rules and an injury risk not higher than that of other sports. Of course the advertising for MMA often uses violent scenes and may be criticized, but the sport itself is highly complex from a technical and theoretical point of view.

What makes MMA even more interesting is the fact that not only the fighting, but also the culture behind it takes on a hybrid and fragmented character. Just as in postmodernism, in the world of MMA, there is no clear center anymore. Even though the United States have brought the sport to international popularity, other countries such as Japan as the birthplace of MMA with its dedicated audiences or Brazil as the country of origin of Brazilian Jiu Jitsu also play an essential role in MMA. It is also remarkable that there are not only MMA fans and practitioners all over the world, but also that many of the most popular professional fighters have a complex cultural background. Fighters such as BJ Penn, who was born in Hawaii, but is also of Korean and Irish descent, or Benson Henderson, who is the son of an African-American father and a Korean-American mother, represent postmodernism not only in their fighting, but also in their cultural backgrounds and therefore provide a source of inspiration for many fans all over the world.

Mixed Martial Arts is thus a postmodern phenomenon by any account and both reflects and inspires the contemporary world. Instead of condemning the sport, we should try to understand its actual characteristics, which include the immediate rules and circumstances as well the cultural backgrounds of both fighting styles and fighters themselves. By doing so, MMA may even help us to better understand other aspects of our postmodern world and to create mutual understanding.

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Der Triumph des Nerds?

Noch vor vielleicht fünf Jahren wusste fast niemand im deutschsprachigen Raum, was ein Nerd ist. Außer vielleicht denjenigen, die selbst Nerds waren und sich selbst bewusst so wahrnahmen. Trotzdem war der Sachverhalt des Nerdtums gerade zu Schulzeiten jedem bekannt, ist er doch mindestens schon so alt wie die Popkultur selbst. Eigentlich jeder war entweder selbst ein Nerd oder kannte jemanden, der ein für Andere obskur erscheinendes Hobby oder Interesse mit Leidenschaft verfolgte. Da diese Interessen natürlich besonders auffielen, weil sie für Durchschnittsjugendliche zu „schulisch“ oder abseits des Mainstreams waren, waren sie oft mit Außenseiterrollen oder sogar ernsthaftem Mobbing verbunden.

Vergleicht man diese dunkle Frühzeit mit der heutigen Situation, so hat sich scheinbar ein Paradigmenwechsel ereignet. Fast jeder kennt heute den Begriff Nerd, Serien wie The Big Bang Theory sind längst im Mainstream angekommen und selbst der stereotypische Kleidungsstil des Nerds wurde inzwischen in Form von Hornbrillen oder Holzfällerhemden zum Trend erkoren. Durch diese Präsenz des Begriffs kommt es immer häufiger vor, dass Leute sich selbst als Nerds bezeichnen und es sogar als cool gilt, nerdig zu sein. Doch entspricht der Eindruck, dass Nerds nun etabliert sind, wirklich der Wahrheit oder handelt es sich vielmehr um einen Trugschluss?

Der Autor selbst ist selbstverständlich kein Nerd und besitzt die abgebildeten Gegenstände lediglich als Anschauungsmaterial, um seine Recherche auch empirisch fundieren zu können…

Betrachtet man das Phänomen an der Oberfläche und richtet den Blick auf den Modetrend oder die Selbstbezeichnung vieler Leute als Nerds, so muss man feststellen, dass hier eher der Begriff des Hipsters zutrifft. Während der Hipster verschiedenste Einflüsse ironisch zitiert und sich so bewusst als modisch-kulturelle Avantgarde stilisiert, nimmt der Nerd seinen eigenen Status nicht bewusst wahr beziehungsweise kümmert sich nicht darum und findet sich so am Rand der Gesellschaft wieder. Der Ottonormalverbraucher wiederum imitiert lediglich den Hipster, der sich daraufhin verändern muss, um seine Avantgardeposition zu sichern. Bei diesem Vorgang wird der klassische Nerd außen vor gelassen und bleibt wie zuvor sozial isoliert.

Nichtsdestotrotz wird für die Gesamtgesellschaft immer offensichtlicher, dass Nerds trotz ihrer manchmal schweren Jugend später im Berufsleben oft sehr erfolgreich werden, da ihre mit Leidenschaft verfolgten Interessen der Schlüssel zu erfolgreichem Lernen und einem gelingenden Berufsweg sind. Selbst wenn sich also die Situation für viele Nerds zumindest während ihrer Schulzeit nicht verbessert haben mag, so scheint doch eine Aussage des chinesisch-amerikanischen Dramatikers David Henry Hwang zuzutreffen und letztendlich als Trost zu funktionieren. In einem seiner Stücke legt er einer Figur sinngemäß und überspitzt die Worte in den Mund, dass eine glückliche Schulzeit fast nie in einem erfolgreichen Berufsleben mündet.

Trotz dieses oft schwierigen Werdegangs kann der klassische Nerd letztendlich sogar als Ideal gelten. Er lehrt uns, dass es im Leben auch darauf ankommt, soziale Normen zu überwinden und mit Leidenschaft Interessen und Ziele zu verfolgen, statt sich opportunistisch an Systeme anzupassen. Wenn dies zu schulischem und beruflichem Erfolg führt, ist es umso bewundernswerter und sollte nicht mit sozialer Isolation bestraft, sondern durch gesellschaftliche Anerkennung honoriert werden. Dann könnte man wirklich von einem Triumph des Nerds sprechen, bis dahin allerdings muss der Nerd leider noch viel zu oft als ironisches Zitat oder austauschbarer Trend herhalten.

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